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Stand: 05.10.2015

Pressemitteilung

Wertschätzung für soziale Arbeit im Stadtteil

Rückblick auf 25 Jahre soziale Arbeit im Stadtteil Branchweiler

Helga Deidesheimer (links), Leiterin der Spiel- und Lernstube, erläutert zwei Gästen anhand von Fotos, wie sich die Einrichtung seit 1994 entwickelt hat.Helga Deidesheimer (links), Leiterin der Spiel- und Lernstube, erläutert Gästen anhand von Fotos, wie sich die Einrichtung seit 1994 entwickelt hat. Yvette Wagner / DiCV Speyer

Nach der Schule kommen Kinder von der ersten bis zur sechsten Klasse in die Spiel- und Lernstube, um Hausaufgaben zu machen, sich zu treffen, zu basteln und zu spielen. Sie bietet aber weit mehr als eine Kinderbetreuung, denn sie leistet soziale Arbeit für das ganze Quartier. Die Einrichtung organisiert Familienausflüge und Feste, zu denen alle Bewohner von Branchweiler eingeladen sind.

Die Spiel- und Lernstube wurde 1994 gegründet in dem Stadtteil, wo viele soziale Probleme aufeinanderprallen, wo Menschen leben, die krank sind, über geringes Einkommen verfügen, ausländische Wurzeln besitzen oder als Obdachlose eine Unterkunft finden. Seit 25 Jahren arbeitet die Spiel- und Lernstube daran, Kinder aus Branchweiler zu fördern. Auf vielen Plakaten wurde deutlich, wie sich die Einrichtung entwickelt hat und was sie alles leistet.

Zunächst bezog sie eine Wohnung in der Kurt-Schumacher-Straße 7, der Brennpunktstraße des Quartiers. Die Räume waren spärlich eingerichtet. "Wir hatten kein Geld", sagte Leiterin Helga Deidesheimer. Damals war ungewiss, ob sich die Spiel- und Lernstube überhaupt hält. Aber schon zwei Jahre später bekam die zweite Wohnung im Erdgeschoss hinzu, weil mehr Kinder kamen. Inzwischen gehören auch die beiden Wohnungen im ersten Obergeschoss zur Einrichtung, wo sich unter anderem der Hausaufgaben-Raum befindet. Eigentümer des Hauses ist die Wohnungsbaugesellschaft Neustadt (WBG). Sie stellt dem Jugendamt die Räume zur Verfügung, genutzt werden sie von der Spiel- und Lernstube. Heute gehen täglich etwa 27 Besucher ein und aus. Betreut werden sie von vier Festangestellten und einer Praktikantin. Unterstützt wird das Team von Ehrenamtlichen und Honorarkräften, die Arbeitsgemeinschaften leiten.

Vom schwierigen Anfang zur unverzichtbaren Einrichtung

Neustadts Bürgermeister Ingo Röthlingshöfer überreicht Helga Deidesheimer, Leiterin der Spiel- und Lernstube, ein Geschenk. Neustadts Bürgermeister Ingo Röthlingshöfer überreicht Helga Deidesheimer, Leiterin der Spiel- und Lernstube, ein Geschenk. Yvette Wagner / DiCV Speyer

Zum Tag der offenen Tür waren Kooperationspartnern, Vertretern der Kommunalpolitik, Kirchengemeinde, ehemaligen Mitarbeitern, Lehrkräften, Unterstützern und Nachbarn gekommen, um mit dem Team der Spiel- und Lernstube zu feiern. Neustadts Bürgermeister Ingo Röthlingshöfer (CDU) blickte in seinem Grußwort auf die schwierige Anfangszeit zurück. Die Kommune habe Kritik geerntet, als sie die Spiel- und Lernstube unterstützte, berichtete er. Aber die Einrichtung sei ein Erfolgsprojekt und unverzichtbar. "Es macht Mut, dass wir soziale Verhältnisse strukturell beeinflussen und positiv verändern können." Das Ringen und der schwierige gemeinsame Weg mit der Caritas war letztlich "wichtig für diese Straße, für die Kinder und Jugendlichen und auch wichtig für die Bewusstseinsentwicklung in der Politik". Die Spiel- und Lernstube sowie die Arbeit der Mitarbeiter werde wertgeschätzt. Daran gebe es keinen Zweifel, betonte Röthlingshöfer. Die Unterstützung für Kinder und Jugendliche aus schwierigen sozialen Verhältnissen sei heute so notwendig wie vor einigen Jahrzehnten.

Einblicke in Lebenswelten von benachteiligten Kindern und Jugendlichen

Dr. Mathias Wenk, Chefarzt der Klinik für Gefäßchirurgie am Krankenhaus Hetzelstift, erläuterte, wie eng sozialer Status und Gesundheit miteinander verbunden sind.Dr. Mathias Wenk, Chefarzt der Klinik für Gefäßchirurgie am Krankenhaus Hetzelstift, erläuterte, wie eng sozialer Status und Gesundheit miteinander verbunden sind. Yvette Wagner / DiCV Speyer

Die Spiel- und Lernstube hatte sich anlässlich ihres Tags der offenen Tür gewünscht, dass Experten Einblicke in die Lebenswelten von benachteiligten Kindern und Jugendlichen geben. So erläuterte Dr. Mathias Wenk, Chefarzt der Klinik für Gefäßchirurgie am Neustadter Krankenhaus Hetzelstift, wie sich Armut auf das Leben und insbesondere auf die Gesundheit auswirkt. Kinder aus armutsbedrohten Familien haben Wenk zufolge "unheilvolle Voraussetzungen". Er sprach von frühen Gesundheits- und Entwicklungsstörungen, von psychischen und psychosomatischen Beschwerden. Sie werden ungesünder ernährt und bewegen sich weniger, sind häufiger übergewichtig und leiden unter Zahnschäden, greifen öfter zu Zigaretten, nehmen seltener Vorsorgeuntersuchungen beim Kinderarzt und Zahnarzt wahr, werden häufiger und länger stationär im Krankenhaus behandelt. Von 13 Millionen Kindern und Jugendlichen würden 2,5 Millionen als arm gelten - der Arzt bezeichnete das als "große soziale Wunde" und forderte: "Diesen Kindern in Deutschland muss geholfen werden."

Mit Bildung und Teilhabe von Sinti und Roma beschäftigte sich Andren Bejta von der Bundesarbeitsgemeinschaft Romnokher in seinem Vortrag. Die Arbeitsgemeinschaft ist eine Interessensvertretung für Vereine und Organisationen der Sinti und Roma. Angehörige der Volksgruppen leben in Branchweiler. Bejta appellierte, Vorurteile, Ängste und Rassismus gegenüber Sinti und Roma abzubauen, die ihnen in den Bereichen Wohnen, Bildung und Gesundheit in hohem Maße begegneten. In Zeiten zunehmenden Rechtsrucks in der Gesellschaft sei Aufklärung wichtiger denn je, sagte er und betonte, die Sinti und Roma seien kein ethnisches Problem. In der Schule solle ihre Geschichte in den Lehrplan aufgenommen und über sie aufgeklärt werden. Bejta forderte einen ganz normalen Umgang miteinander und die Inklusion der Volksgruppe.

Kritik am neuen Kita-Gesetz

Der Leiter des Caritas-Zentrums Neustadt, Johannes Keuck, führte durchs Programm und kritisierte den Entwurf des neuen rheinland-pfälzischen Kita-Gesetzes: "Ich suche vergebens in dem Gesetz nach Spiel- und Lernstuben." Auch Bürgermeister Rötlingshöfer empörte sich: Der Entwurf sage nichts über die künftige Finanzierung dieser Einrichtungen, obwohl sie vom Land stets als herausragende Beispiele für Quartiersarbeit gelobt würden. Die Spiel- und Lernstube wird von Land, der Stadt Neustadt und vom Träger, dem Caritasverband für die Diözese Speyer,  finanziert, Projekte kommen dank Spenden zustande.

Text und Bilder: Yvette Wagner für den Caritasverband für die Diözese Speyer

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